Blick in einen Flur, bei dem die Tapete von allen Wänden gerissen wurde. Die Tapetenreste liegen zerstreut über den Fußboden. Aus der Wand ist Putz abgefallen und Löcher haben sich gebildet. Ein Stuhl steht im Flur, an der rechten Seite der Wand hängen Jacken und Taschen.

Arbeits-Angst-Amt

[Lesezeit: ca 7min]
„Bei wie vielen Firmen haben Sie sich denn schon beworben?“,
fragt Herr B und öffnet eine Datei auf seinem Computer.
„.. Noch keiner.“
Sofort schlägt die Stimmung um. Aus dem verplanten Herrn B, der mich vorher noch freundlich begrüßte wird ein eiskalter Sachbearbeiter.

Wie soll meine Jobsuche denn so was werden? Auf wie vielen Portalen ich schon angemeldet sei. Keinen? So kann das nichts werden. LinkedIn? Haben Sie nicht? Da nehmen Sie die Jobsuche aber auch nicht erst.

Zu diesem Zeitpunkt bin ich den aller ersten Tag wieder gesund, nach über einem Jahr Krankheit und damit genaugenommen meinen allerersten Tag Arbeitslos.
Ich habe den Termin mit Herrn B vorbildlich zum frühestmöglichen Zeitpunkt gemacht, alle meine Unterlagen vorbildlich ausgefüllt, mich korrekt gemeldet und für meinen Termin heute nicht nur das erste Mal in Wochen geduscht, sondern sogar was nettes angezogen und meine Haare gemacht.
In meiner Tasche liegt einer vorbereitete Mappe aus Arbeitszeugnissen, Lebenslauf und Empfehlungsschreiben. Selbst mein Abiturzeugnis habe ich dabei.
Eigentlich, so war der Plan wollte ich mit Herrn B heute besprechen was die Erwartungshaltung der Agentur für Arbeit an mich sind. An welche Regeln ich mich halten muss und wie viel Nachweise ich über meine Bewerbungsprozesse führen soll. Sowas macht man an einem ersten Termin, oder?

Zumindest war ich dieser Annahme, als ich überpünktlich vor seinem Büro Platz nehme. Ich bin extra mit dem Fahrrad gekommen, weil der Bus mir zu knapp gewesen wäre.
Als die Zeit für den Termin kommt, werde ich immer noch nicht aufgerufen. Niemand außer mir sitzt im Wartezimmer. Es gibt keine Anzeige mit Wartenummern, wie ich sie vom Bürgeramt kenne, anstelle dessen nur die Bürotüren mit Nummern und Namen. Bin ich falsch?
Panisch kontrolliere ich die SMS die ich erhalten habe. Ort stimmt. Herr Bs Name steht auch an der Tür.
Ist die SMS falsch? Gewissenhaft kontrolliere ich die E-Mail und checke das Onlineportal. Nein. Alles stimmt.
Ich klopfe bei Herrn B.

Herr B ist irritiert, denn einen Termin mit mir hätte er nicht. Ich hole mein Telefon raus und zeige ihm die SMS. Er schaut irritiert. Ich soll noch mal im Wartezimmer Platz nehmen.
Nach ein paar Minuten kommt er zurück und erklärt, er habe sich im Tag geirrt. Die gute Nachricht: Man kann den Termin mit mir jetzt machen und ich bin richtig. Die schlechte: Er hat damit heute Vormittag andere Termine vergessen wahrzunehmen und muss sich nun noch darum kümmern. Könnte also etwas stressig werden.

Dieser Mann, der seinen Kalender nicht im Griff, Termine verschusselt hat und nicht vorbereitet ist, sitzt mir jetzt mit eiskaltem Blick gegenüber und rügt mich für meine „schlechte Vorbereitung“. Innerlich würde ich ja lachen, wäre meine aktuelle Lebenssituation nicht prekär und ich auf jeden cent angewiesen.
Während ich das in Tränen ausbrechen unterdrücke, werde ich damit beschallt wie unfähig ich sein muss. Das der Staat mir nicht alles bezahlen kann und dass man von mir auch Einsatz sehen muss.
Ich bin einen Tag arbeitslos. Glauben Sie mir Herr B, unfähig ist gerade nur einer von uns Beiden.

Ich bekomme zu diesem Zeitpunkt Arbeitslosengeld 1 und eigentlich dachte ich der Druck sei hier nicht so hoch. Nach dieser Erfahrung will ich gar nicht wissen was Bürgergeldempfänger*innen durchmachen müssen.
Und so sitze ich da und lass den Schwall über mich ergehen.
Ich würde zuerst mein privates Netzwerk nach einem Job durchsuchen wollen? Was für ne dumme Idee. Man muss immer auf allen Gleisen fahren. Zwei Bewerbungen pro Tag, 14 in der Woche und 56 Bewerbungen im Monat. Das sei das Minimum. Und ich mache ja eh gerade nichts zu Hause. Da müsse ich gar nicht so faul sein.

Faul. So fühle ich mich manchmal wirklich. Wenn ich das Bett nicht verlassen kann, oder wenn ich den Tag nicht mehr geschafft habe als eine E-Mail zu beantworten. Dabei ist mein Leben gerade alles Andere als zuHause Däumchen zu drehen. Im letzten Jahr ist eine Pandemie ausgebrochen, erst habe ich meine Wohnung verloren, einen Rechtsstreit um meine Kaution begonnen, drei Menschen die ich kenne sind an Corona verstorben, meine Langzeitbeziehung ging in die Brüche, und ich wurde krank und zum Pflegefall. Wegen meiner Krankheit verliere ich meinen Job. Das ist nicht legal, aber noch nen Rechtsstreit? Das packe ich nicht. Außerdem habe ich mich gerade wegen all dem Verschulden müssen. Jeden Morgen wache ich auf mit Existenz-Ängsten während ich versuche mich durch die Stricke die das Leben mir stellt zu navigieren.
Eigentlich habe ich ja gerade "frei". Ideale Zeit mein Studium fertig zu machen, oder ne neue Technologie zu lernen. Aber Faul sein ist anstrengend wenn der Kopf überlegt ob er es heute schafft zu Essen und den ganzen Tag damit verbringt Papierkram für Unterstützungsleistungen auszufüllen.

Das ich hier sitze. Vor Herrn B. Angezogen und vorbereitet. Pünktlich. Das war harte Arbeit. Darauf habe ich hart hingearbeitet. Für Herrn B ist es nicht mal das Minimum.
Hätte mich Herr B gefragt wie es mir geht, oder ob ich was vorbereitet habe, ich hätte voller Freude meine vorbereitete Mappe rausgeholt und meine Fragen gefragt, aber nach diesem Gespräch macht mein Kopf dicht.
Was für ein Arschloch. Meine Stille und Kopfnicken im Gespräch wird nicht verstanden, als das was es ist, nämlich ein unterdrücken aller meiner Emotionen und den Wechsel in Survival-Mode, sondern stuft mich für Herrn B noch mehr als schlimme Arbeitsverweigerin ein.

Dabei ist mein Survival-Mode jetzt bloß nichts falsches zu sagen oder etwas falsch zu machen, nötig. Schließlich hat Herr B alle Kontrollen über mich. Es liegt an ihm ob mir Geld gekürzt oder entzogen wird. Welche Auflagen ich erhalte, oder was ich leisten muss. Eigentlich wollte ich nach einer Fortbildung oder Weiterbildung fragen, denn nach einem Jahr Krankheit und Schicksalsschlägen fällt es mir schwer einzuschätzen, wie arbeitsfähig ich eigentlich bin. Doch das anzusprechen, traue ich mich nicht mehr. Anstelle dessen stellt mir Herr B vor doch eine Arbeitsmaßnahme zu machen in der ich lerne, wie man einen Lebenslauf schreibt.
Jetzt fühle ich mich verarscht.
Ich versuche ihm mitzuteilen, dass ich das alles schon vorbereitet habe, doch werde mit einem weiteren Redeschwall überfahren. Hier hätte ich gegensteuern und laut werden können. Lassen sie mich doch ausreden! Möchte ich schreien. Ich bin so gut vorbereitet. Ich weiß, was ich mache. Ich bin fantastisch in Bewerbungsprozessen! Doch gerade fühle ich mich winzig auf meinem Stuhl. Wie ein kleines Kind, das zum Rektor geben wurde, aber noch rausfinden muss was es falsch gemacht hat.
Und so sitze ich nur da und deute an dass ich nicht glaube dass eine Arbeitsmaßnahme nötig ist. Doch Herr B tippt schon fleißig in seinen Computer um mich zu etwas anzumelden. Dafür aber erst mal meine Daten ausfüllen. Letzte Job Position? So so. Studienabschluss in ..?
„Ich habe Informatik und Soziologie studiert, früher auch europäische Ethnologie, aber…“
„Ah Europäische Ethnologie habe ich auch in Kiel studiert.“, sagt er B und nickt. Ich verkneife mir den Kommentar, ob er damals schon wusste, dass er danach gerne Menschen als Sachbearbeiter foltern will.
„In welchen von den Fächern haben Sie Ihren Abschluss?“
„Ich habe keinen Abschluss.“
Herr B schaut mich an, als hätte ich gerade seinen Hund überfahren.
„Was machen Sie dann hier?!“, sagt er entgeistert und packt schon alle Sachen, die er für mich vorbereitet hatte, wieder zusammen. Ich sitze irritiert da und verstehe nicht was gerade passiert ist.
„Ich bin nur für Akademiker zuständig und Sie sind KEINE Akademikerin.“, sagt er und öffnet mir die Tür von seinem Büro.

Wie ein Roboter laufe ich den Weg, den ich gekommen bin zurück durch die traurigen Behörden-Hallen, ehe ich vor dem Gebäude auf der Straße in Tränen ausbreche und in mir zusammenfalle. Wie es jetzt weiter geht, weiß ich nicht. Aber eines ist klar: Herr B hat es gerade geschafft alle meine Motivation einen Job zu finden im Keim erstickt.